Warum Erste Hilfe wichtig ist.
• Torsten Kohlmann

Warum Erste Hilfe wichtig ist.


Im Januar dieses Jahres hatte ich ein Gespräch mit meiner 12-jährigen Nichte. Der Ablauf lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

 

Nichte: “Sag mal Thorsten, was macht ihr eigentlich nochmal bei Hinterlandmedics?

 

Ich: “Wir bilden Menschen in Outdoor-Erste-Hilfe und Expeditionsmedizin aus. Damit sie helfen können, wenn jemandem draußen etwas passiert. Ziemlich cool, oder?

 

Nichte: “Naja, geht so.

 

Ich (sichtlich um Fassung bemüht): “Öhhm, also ich finde es schon ziemlich cool, wenn ich anderen helfen kann. "Würdest du das nicht auch lernen wollen?

 

Nichte: “Mh. Nö. "Gibst du mir noch ne Scheibe Brot?

 

Zugegeben, wenn man Kindern und Jugendlichen derart geschlossene Suggestivfragen stellt, muss man damit rechnen, verbal das Schienbein demoliert zu bekommen. Und mal ehrlich, ich habe mit 12  auch ganz andere Sachen gefeiert. Zum Beispiel leere Milchpäckchen auf dem Schulhof zum Knallen zu bringen. Oder dieses Diddl-Duftpapier zu sammeln.

 

Während diese Dinge eher der Vergangenheit angehören, könnte ich das Gespräch allerdings jeden Tag führen. In jeder Altersgruppe. Erste Hilfe hat in Deutschland ungefähr den gleichen Beliebtheitswert wie die Deutsche Bahn, die mal wieder zu spät kommt, während ich diesen Text schreibe. Lästig, aber notwendig.

Wir nennen wie viele andere Anbieter unsere Kurse nicht mehr Erste-Hilfe-Kurse. Weil sich ansonsten alle nur zähneknirschend an das trockene Frontalgelaber aus dem Führerschein erinnern. Das zeigt auch unsere Umfrage aus dem letzten Jahr, bei der wir über 1000 Antworten ausgewertet haben. Die Hauptargumente für aufgeschobene Kursbesuche waren Zeit, Geld und preußische Unterrichtsmethoden. Zwar holen die Hilfsorganisationen seit Jahren in der Didaktik auf, aber die Deutsche Bahn hat auch seit 2024 ein Sanierungsprogramm fürs Schienennetz. Weder über das eine, noch das andere wird geredet.

Statt der sich verbessernden Didaktik werden allerdings gern zwei andere Motive verwendet, um die Erste Hilfe salonfähig zu machen: Appelle, dass Hilfe eine soziale Verpflichtung darstellt und die Erzeugung von Angst. Diese Art von Kommunikation hat eine Weile auch sehr gut funktioniert. In den letzten 10 Jahren stieg die Laienreanimationsquote um beachtliche 15% auf insgesamt 50% (= wie oft Laien bei Herzstillstand eine Herzlungenwiederbelebung durchführen). Danach stagniert sie seit 2022. Jede zweite Person mit einem Kreislaufstillstand ist also auch heute noch unwiederbringlich tot. Das sind mehr als 10.000 vermeidbare Todesfälle pro Jahr. 

An dieser Stelle möchte ich kurz ein paar Fakten bündeln und anschließend eine offene Frage stellen. 

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung fühlte sich 2021 jeder zehnte allein. Zusätzlich steigt die Bildschirmzeit seit Jahren kontinuierlich auf aktuelle 3,5 Stunden pro Tag an. Dabei übernimmt KI schleichend einen gewissen Teil der bisherigen menschlichen Interaktion. Und  seit der Pandemie arbeiten immer mehr Menschen im Homeoffice. Allein diese Punkte sind doch potenzielle Indikatoren für ein Weniger an Sozialleben. Senkt sich damit möglicherweise nicht auch das soziale Pflichtgefühl? 

Ähnliches gilt für die Angst. Ja, Angst ist evolutionär äußerst sinnvoll, denn sie hält uns ab, stupid shit zu tun. Ohne Angst wären wir als Spezies nicht mehr auf dem Planeten vertreten. Zusätzlich ist sie ein starker Motivator, da wir unangenehme Gefühle vermeiden wollen. Dazu gehört auch das hilflose Miterleben vom Versterben unserer Familie und Freunde. Das Problem ist aber, wenn wir Erste Hilfe mit Angst bewerben, dass Menschen das entstehende unangenehme Gefühl ebenfalls vermeiden wollen. Entweder besuchen sie einen Kurs, oder sie immunisieren sich langfristig gegen diese Gedanken. Dann entstehen Aussagen wie “Uns wird das schon nicht passieren.”. Und sobald sie mental einmal dort angekommen sind, ist es sehr schwer, sie mit den aktuell verwendeten Argumenten zu erreichen.

 

Wie kommuniziert man jetzt aber, warum Erste Hilfe wirklich wichtig ist?

 

Ein grundlegendes Marketingproblem von Erste Hilfe ist der Fakt, dass man die erlernten Fähigkeiten zu 99% für andere einsetzt. Könnte man Erste Hilfe stattdessen zur Selbstoptimierung einsetzen, hätten wir eine unüberschaubare Anzahl an dubiosen First-Aid-Coaches. Altruismus ist auf den ersten Blick kein Kassenschlager. Dabei ist das Gefühl, sich für andere einzusetzen, eines der stärksten und schönsten Gefühle, mit denen man sich belohnen kann. Dabei wird dieser Helferrausch je nach Literatur mit dem Genuss eines wirklich legendären Essens, Sex oder gar einem mildem Morphinrausch verglichen. Wir fühlen uns sauwohl, wenn wir Oma Erna im Haus die Einkäufe hochtragen, oder Timmy das Trostpflaster mit dem Smiley draufkleben. Und wie alles, was geil ist, ist dieser Trip noch Subkultur. Hier sind wir überzeugt davon, dass vieles an dem hängt, wie wir darüber reden. Wenn ich hier die Frage stellen würde, wer Bock hat, die Gesellschaft in einen Glücksrausch zu versetzen, würde ich glaube wesentlich mehr Hände sehen.

Und anderen zu helfen, ist nebenbei auch noch ansteckend. Es ist erwiesen, dass Menschen, denen gute Taten widerfahren, sich selbst ermutigt fühlen, anderen Gutes zu tun. Das haben wir das letzte Mal bei den großen Protesten gegen Rechts vor der Bundestagswahl 2025 gesehen. Dummerweise bleibt die Welt nach der Wahl nicht stehen. Und heutzutage ist Gemeinwohl und Zusammenhalt wieder zunehmend wichtiger. Es ist absehbar, dass die großen und kleinen Krisen zukünftig zunehmen werden. Dass wir mehr Selbstwirksamkeit brauchen, um der anbahnenden Angst zu begegnen. Um uns nicht selbst irgendwann eine Realität zurechtzubiegen und ignorant immun zu werden. Selbstwirksamkeit für eine Zeit, wo wir eine Restrukturierung der globalen Ordnung erleben, während Staatsoberhäupter scheinbar vor allem nach ihrem Meme-Potenzial ausgewählt werden. Wo Entwicklungshilfe eingestampft und der Klimawandel wissenschaftsfeindlich kleingeredet wird. Ich sage nicht, dass an dieser Stelle Erste-Hilfe-Kurse die Lösung all unserer Probleme sind. Aber der innere Hippie in mir findet gerade eine ganz neue Bedeutung in dem Satz “Let’s get high together!”. Wenn wir für uns gegenseitig Verantwortung übernehmen, haben wir automatisch den Rücken frei, um an neuen Herausforderungen zu wachsen. Weil das Wissen um ein paar einfache Handgriffe auch die besonders hilflosen Situationen bewältigbar macht.


Ich gebe zu, dass man beim Texten über Altruismus schnell in blumige Prosa abrutschen kann. Vielleicht ist mir das gerade eben auch ein bisschen passiert. Wer sich nach dem Text gerade eben immer noch nicht mit dem „selbstlosen“ Helfen anfreunden kann, dem sei im Folgenden gesagt: Laut der Harvard Grant Studie sind enge, vertrauensvolle Beziehungen der stärkste Prädiktor für ein längeres, glücklicheres und gesünderes Leben. Die Tatsache, dass fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung sich unsicher fühlt, Erste Hilfe zu leisten, birgt erhebliches Potenzial. Dass wir durch verstärkte Erste-Hilfe-Bildung die kulturelle Hilfsbereitschaft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die soziale Empathie nachhaltig fördern. Und damit am Ende dir persönlich ein besseres Leben ermöglichen.

Bitte lerne Erste Hilfe. Für andere. Und für dich selbst.